Ein weißer Engel kam durchs Fenster
Jun 1st, 2008 by Wu-Lan-Tong
Ein heller Sonnenstrahl fiel durch die großen Fenster in das Klassenzimmer der kleinen Dorfschule und strich wie suchend durch die Bank.
Dort saß die kleine Johanna, ein blasses, schmalgesichtiges Mädchen von 8 Jahren, und blinzelte ein wenig, als der Sonnenstrahl ihr kleines Gesicht streifte.
Johanna blieb in der Bank immer alleine, keines der anderen Kinder wollten sich zu ihr setzten, denn das schwächliche Kind durfte man nicht anstoßen.
Und gar oft war die hinterste Bank leer, dann ging es dem Kind nicht so gut, und es mußte zu Hause bleiben.
Johannas Abwesenheit fiel den übrigen Kindern kaum noch auf. Sie nahmen schon lange kaum Notiz von dem Mädchen auf der hintersten Bank.
Johanna spürte das natürlich, und ihr kleines Gesicht drückte oft tiefste Traurigkeit aus.Am Unterricht beteiligte sich das Kind kaum. Johanna saß nur still da und hörte zu.
Einen Menschen gab es in der Klasse, der dem Kind zugetan war. die junge Lehrerin. Ihr Blick richtete sich manchmal recht sorgevoll auf die kleine Gestalt in der hintersten Bank. Doch es blieb ihr kaum Zeit im Unterricht. Sie mußte sich um die anderen Kinder kümmern.
Am Schulende stürmten die Kinder lärmend aus der Klasse. Auch Johanna erhob sich, wenn ihre Kameraden schon draußen waren, und ging Schritt für Schritt durch das leere Klassenzimmer. Sie kam an dem Tisch vorbei, wo die Klassenlehrerin noch arbeitete.
Scheu und sehr behutsam strich diese dann über den dünnen Scheitel des Kindes. Johanna sah die Lehrerin aus ihren großen Augen an und lächelte.
Geh auch heim, Johanna! Deine Mutter wartet bestimmt schon auf dich. Johanna nickte.
Nachdem das Kind durch die Tür verschwunden war, stieß die Frau einen tiefen Seufzer aus. Warum nur konnte niemand dem liebenswerten Geschöpf helfen.
Die kleine Johanna litt seid ihrer Geburt an einer geheimnisvollen Blutkrankheit, und ihre Mutter hatte schon viele Ärzte konsultiert, doch umsonst.
Anderntags saß Johann wie immer still in der hintersten Bank. Plötzlich glitt über ihr kleines Gesicht ein Leuchten und sie hob den Finger in die Höhe. Die Lehrerin freute sich daß sich das Kind an dem ablaufenden Geographie-Unterricht beteiligen wollte. Sie fragte Johanna freundlich, was sie sagen wolle.
Das Kind sah mit einem sehr ernstem Gesicht auf die Lehrerin und ihre Augen glänzten:
“Ein weißer Engel ist durch das Fenster hereingeflogen!”
Die anderen Kinder wandten sich erstaunt zu Johanna um und sahen suchend durch das Klassenzimmer.
“Hier ist kein weißer Engel!” riefen sie laut durcheinander. Die kleine Johanna beharrte störrisch, sie habe den weißen Engel gesehen. Jetzt freilich wäre er nicht mehr da.
Die Lehrerin hatte Mühe, dem auftretendem Lärm ein Ende zu machen. Energisch forderte sie zur Ruhe auf. Und dann erklärte sie den Kindern Johanna habe ganz gewiss die Wahrheit gesagt. Aber nur Johanna konnte den weißen Engel sehen, weil das eben der Schutzengel von Johanna gewesen sei.
Dankbar lächelte das Kind der Lehrerin zu.
Die Klasse beruhigte sich zwar, aber in der dann folgenden großen Pause wurde über die spinnende Johanna lautstark gelästert. Das Kind saß in einiger Entfernung und aß ohne großen Appetit sein Brot. Traurig hörte Johanna, daß die anderen Kinder ihr nicht glaubten und sie gar noch übel verspotteten.
Nach Schulschluß trottete das Kind langsam und müde nach Hause. Johanna sag die Mutter am Hoftor stehen und nach ihr Ausschau halten.
Johannas Gesicht spiegelte große Freude, als sie die vertraute Gestalt erblickte.
Der Mutter kam es vor, als ob ihr Kind heute noch blasser wäre. Und sie schloß Johanna fest in ihre starke Arme. Das Kind schmiegte sich wie um Hilfe suchend, an die Mutter.
Leise erzählte ihr Johanna von dem weißen Engel, den sie heute gesehen hatte. Die Mutter verbarg ihr Erschrecken. Später die kleine Johanna schlief schon, weinte die Mutter. Sie ahnte, daß sie ihr Kind bald für immer verlieren würde. Noch in der selben Nacht starb Johanna.
Leise und still war sie davon gegangen. Es schien, als habe sie jemand an der Hand genommen und aus der lauten Welt herausgeführt, dorthin, wo ewiger Friede herrscht.
Als die Lehrerin in der Schule Johannas Tod verkündete und sich über die feuchten Augen wischte, war es plötzlich ganz still in dem lauten Klassenzimmer. Und die Kinder erinnerten sich an die Geschichte von dem weißen Engel…..Und alle schämten sich, das sie Johanna ausgelacht haben.
Eine große Trauergemeinde folgte dem schneeweißen Sarg. Monate später erhob sich über dem kleinen Grabhügel ein schwarzer Marmorstein, auf dessen Sockel ein weißer Engel stand, der an der Hand ein Kind führte, und die andere Hand deutete himmelwärts
Nur der Name Johanna stand eingemeißelt auf dem schwarzen Stein.
Und gar mancher sprach ein kurzes Gebet, wenn er vorüber kam.
Zenta Braun









